Land in Sicht...
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Die Reise beginnt...

Seite 2

VIERTER TAG

 

Es ist jetzt bereits fünfundzwanzig Meter lang mit einem neuen Mast, der, gleich einer riesenhaften Dorne, neu aus dem Deck gewachsen ist. Ich weiß, ich brauche jetzt ein neues Segel. Ich gehe ins Lager, um dort Material aufzufinden und tatsächlich liegt hier überall Stoff herum. Jedes Stück trägt dasselbe Emblem, das ich schon auf dem ersten Segel entdeckt habe und ich muss sie nicht einmal zuschneiden. Beim Festbinden tue ich mir auch nicht schwer, obgleich ich noch nie in meinem Leben segeln war, daher auch eigentlich keinen einzigen Knoten beherrsche. Es ist wie meine Freunde gesagt haben: »Die Fähigkeiten sind nicht messbar mit den eigenen, oder kommen einem zumindest sehr fremd vor«

 

 

 

Wir, also ich und mein Schiff, fahren jetzt etwa doppelt so schnell wie früher. Ich fühle mich wie ein Kapitän, finde die Vorstellung interessant aber gleichzeitig unrealistisch. Der Witz dran ist, Realismus ist kein Faktor in dieser Welt. Das bedeutet, alles was sonst nicht passieren kann, ist hier möglich. Leider darf man nicht auswählen, welche Absurdität als nächstes eintreten wird.

 

Ich muss rauf auf den Aussichtsmast steigen, ich habe da so ein Gefühl. Seit ein paar Stunden, sind nämlich vereinzelt Möwen zu sehen, woraus ich schließen kann, dass wir uns Land nähern. Es gibt genau zwei Möglichkeiten. Entweder es existiert in diesem endlosen Meer, das keinen weltlichen Regeln zu folgen scheint, tatsächlich eine zweite Küste oder ich laufe gerade die Ursprungsküste an, die ich beim besten Willen nicht sehen will. Die Vorstellung, ich sei fünf Tage nur im Kreis gefahren, schlage ich mir aus dem Kopf. Ich habe schon mal gehört, auf dieser Welt kann man Einfluss auf die Geschehnisse haben, indem man sie durch seine Gedanken herbeiruft. Und das will ich beim besten Willen nicht.

 

 

 

FÜNFTER TAG

 

Ich habe mein Schiff verlassen und an einer Palme angebunden, auf welcher sich zwei Affen lauthals um die scheinbar letzte Kokosnuss streiten. Ich schaue ihnen kurz dabei zu, dann gleitet mein Blick über den Rest der Landschaft. Es dürfte eine neue Küste sein, zumindest sieht es hier wesentlich bewaldeter aus, lebendiger. Dennoch bleibe ich kurz stehen, bevor ich in den Urwald trete, der so dicht verwachsen zu sein scheint, dass ich erst mal eine Art Eingang suchen muss, der den Weg ins Innere freigibt. Ich habe Zweifel, ob es eine so gute Idee ist, völlig unbekanntes und unübersehbares Terrain zu betreten, aber es scheint keine Alternative zu geben. In meiner Erinnerung taucht wieder die Frage auf, die ich schon einmal meinen Freunden gestellt habe und die folgendermaßen beantwortet wurde: »Gefahren auf derartigen Reisen sind nicht vergleichbar mit gewöhnlichen Gefahren. Es ist fast unmöglich zu sterben, dafür können schlimmere Dinge passieren. Man kann sich tatsächlich selbst auf einer Reise verlieren, wenn auch nur nach und nach, aber genau das macht die Sache so gefährlich und unvorhersehbar. Irgendwann merkt man dann, dass man sich so stark verändert hat, dass der einzig logische Schluss ist, dass man seine Persönlichkeit auf der letzten Reise verloren haben muss und jetzt dazu verpflichtet ist, sie wiederzufinden. Reisende, die davon betroffen sind, werden auch »Suchende« genannt. Sie merken nicht, dass sie mit jeder Expedition, die sie unternehmen, noch mehr von ihrer Identität verlieren und keiner kann sie von ihrer kranken Idee abbringen. «

Ich denke mir: Kaum ein Mensch ist bemitleidenswerter als der, der nicht mehr weiß, wer er überhaupt ist, der auf ein Foto seiner selbst blicken kann und trotz aller Anstrengung nicht die Vorstellung erlangt, es sei er, der da abgebildet ist. Mir graust bei dem Gedanken.

 

 

 

   SECHSTER TAG

 

Der Urwald vorher: hohe tropischanmutende Gräser und Palmen, später: noch höhere Laubbäume mit Blättern in verschiedenster Form, deshalb lässt sich keine Art bestimmen. Ich bin überrascht darüber, dass die Vegetation sich so schnell ändert, obwohl ich nur ein paar Stunden marschiert bin (oder waren es Minuten?). Schließlich stoße ich auf einen, von wahrscheinlich menschlicher

Hand angelegten Pfad, der sich gleich einem Schwert und ebenso kerzengerade, durch den Wald zieht. Ich bin eher beunruhigt als erleichtert, da ich nicht ungeheure Lust verspüre Menschen anzutreffen. Was meine Freunde über sie erzählt haben: »Menschen auf derartigen Reisen sind nicht vergleichbar mit gewöhnlichen Menschen. Jeder von ihnen besitzt eine bestimmte Rolle, die ihre Existenz rechtfertigt. Meistens stirbt die Person, wenn ihre Aufgabe erfüllt und ihre Rolle vollendet ist. Leider ist sie sich ihrem unverweigerlichen Ende durch Auslebung ihrer Pflicht nicht bewusst und in den meisten Fällen erfährt sie auch nie etwas von ihrer Prädestination. Ein anderer wichtiger Punkt: Im Grunde ist jeder Mensch, den man als Reisender antrifft, der Ausüber einer bestimmten Funktion, die sich direkt auf den Reisenden bezieht. Nur sehr selten treten Nebendarsteller auf und auch, wenn es einem nicht so vorkommt, vertreten sogar jene eine bestimmte Aufgabe, die man eben nicht sofort erfährt«

Ich habe Angst vor Unabänderlichem, vor Prädestination, vor Schicksal. Der Gedanke, dass es Dinge gibt, die auf alle Fälle geschehen, ohne, dass man was daran ändern kann, demonstriert unsere Machtlosigkeit gegenüber einer vorbestimmten Zukunft. Ich glaube nicht an so was.

(c) by Philemon